Glück ist eine Lifestyle-Entscheidung

„Du kannst doch als Vorstandsvorsitzender unmöglich um vier Uhr nach Hause gehen.“ frage ich gespielt misstrauisch.
„Warum nicht? Musst du 70 Stunden arbeiten? 80? Mehr?“ fragt Petter mich. „Was ist denn wichtig? Sind es die Stunden oder ist es die Arbeit? Natürlich will ich meine Kinder abholen. Das ist eine Lifestyle-Entscheidung.“

 

Petter ist Leiter des gesamten Produktionsbereichs eines weltweit führenden Düngemittelherstellers mit Hauptsitz in Oslo. Ihm unterstellt sind 60 Prozent der 12.000 Mitarbeiter in 150 Ländern. Seine Frau arbeitet übrigens auch Vollzeit.
Und ich? Ich bin mal wieder unterwegs auf der Suche nach dem Glück. Diesmal aber im Arbeitsleben der Skandinavier. Alles klar, höre ich den Leser denken. Norwegen! Viel Öl und weit weg von all den Problemen unserer Welt. So kann ich auch glücklich und erfolgreich sein.
Vielleicht. Aber das mit dem Glück und Erfolg gilt auch für die ehemaligen Armenhäuser Europas: Finnland, Island, Schweden oder Dänemark. Norwegen gehörte auch dazu. Und heute? … Landet Norwegen laut World Happiness Report auch noch auf dem ersten Platz der Glücksländer! Ansonsten hohe Steuern, hohe Löhne aber hohe Rendite. Der Laden des Nordens brummt. Und man rätselt und man rätselt. Wie bekommen die das nur hin?

Nun. Es könnte an den Menschen liegen. An Menschen, die sich das Leben leisten. Wir hingegen gerade einmal den Urlaub. 2 Wochen am Stück, wenn’s hoch kommt. Und schon gar nicht gesetzlich erlaubte 4 Wochen am Stück. Mitten im Sommer in Schweden. Wo kämen wir denn da hin?

Na dem Glück ein wenig näher zum Beispiel. Und das zahlt sich aus. Denn auch, wenn ich mir die Modewörter verkneife, wie Digitalisierung, Vernetzung, Globalisierung oder Generation Q,, R oder M. Fakt ist: Der Mensch ist heutzutage unsere wichtigste Ressource. Wir sollten achtsam mit ihm umgehen. Ihm mit Rücksichtnahme, Verständnis und Großzügigkeit begegnen. Ihn als das sehen, was ein Mensch ist: Ein Individuum mit einem ganz eigenen Muster an Fähigkeiten, Streben und einem ganz individuellen Lebensentwurf.
Und darauf sollte ein Unternehmen eingehen. Denn damit sagt es nicht weniger als: „Hej! Ich sehe dich, ich sehe deine Bedürfnisse, ich sehe deine täglichen Herausforderungen und es kümmert mich.“ Kurz: „Du bist mir als Mensch nicht egal.“

Komisch. Das klingt nicht nach Kerngeschäft. Sondern nach sich beschäftigen müssen mit allem möglichen soften Firlefanz. Genau! So ist es. Und wenn Sie sich mit all diesem Firlefanz beschäftigen, werden Sie merken, dass die Energie, die sie in das Kerngeschäft stecken müssen, erheblich abnimmt.
Denn Menschen sind bereit, ihr Bestes zu geben und wollen etwas zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Davon sind die Nordländer überzeugt. Und das geht nur, wenn ich den Kopf frei habe und wenn ich genau dann arbeiten kann, wenn es für mich und mein Unternehmen am besten passt. Menschen sind keine Maschinen. Sie haben ein Leben. Wie können wir dafür sorgen dass auch dort alles fluppt? Indem wir einander vertrauen und etwas zutrauen. Indem wir nicht fragen, noch nicht einmal ansatzweise denken: „Weshalb geht der jetzt schon um drei? Holt der seine Kinder schon wieder ab? Oder gehen die etwa schon wieder ein langes Wochenende Ski fahren?“
Der Zauberspruch heißt in diesen Ländern: „Geben und nehmen!“ Was es von allen Beteiligten erfordert ist maximale Flexibilität, Transparenz und Verantwortungsbewusstsein. Das bezieht sich nicht nur auf Unternehmen, sondern auf alles. Es ist die Antwort auf die Frage: „Wie können wir das Leben gemeinsam so gestalten, dass jeder sich so weit wie möglich entfalten kann?“ Ob Chef, Teammitglied, Mutter, Schüler oder Ehemann. Das System funktioniert nur, wenn auch alle mitmachen. Im Leben als Ganzem.

Im Klartext: Wenn Jens, der Vorstandsvorsitzende, bis 12 Uhr auf sein krankes Kind aufpasst. Wenn Vater und Mutter sich nach der Scheidung die Sorge 50/50 teilen. Der Arbeitgeber unterstützt, dass Sie jeweils eine Woche mehr, die andere weniger arbeiten. Wenn die Kinder auch bei Regen und Sturm selbständig zum Fußballtraining radeln. Wenn Teamwork schon in den Schulen gefördert wird. Der Chef um die Sorgen und Nöte seines Teams weiß. Wenn Jens abends oder am Wochenende den Laptop aufklappt und weiter arbeitet, so wie Helena, Zara und Per. Wenn der Chef offen über seine Fehler erzählt. Wenn Olof jede Mittagspause für seinen Marathon trainiert. Wenn Mitarbeiter Informationen teilen, damit das gesamte Team davon profitiert. Wenn alle mitdenken, auch über ihren Zuständigkeitsbereich hinaus und jeder weiß, Per hat heute einen richtig miesen Tag.

Wenn wir zusammen dafür sorgen, dass es jedem gut geht. Und das geht weit über das Arbeitsleben hinaus. Arbeit ist nur ein Baustein eines komplizierten aber großartigen Konstruktes, das wir Leben nennen. Menschen möchten sich in allen Bereichen entfalten und zugleich einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten, ohne sich zwischen den verschiedenen Anforderungen des Lebens zerreißen zu müssen. Arbeit hier, Familie dort, Freizeit ganz wo anders, als ob das alles verschiedene Leben von verschiedenen Menschen wären. Wir sind ganze Menschen mit einem Leben. Wenn wir das einbringen können, sind wir glücklich. Und leistungsfähig, motiviert und energiegeladen. Und davon profitieren alle.

Dafür sind Sie allerdings selbst verantwortlich. Es ist Ihre Verantwortung, das Beste aus Ihrem Potenzial zu machen und diesen Schatz der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Und Sie dürfen im Gegenzug erwarten, dass Ihr Beitrag wertgeschätzt wird und auf Sie Rücksicht genommen wird. Andere zu beeinflussen ist schwierig. Deshalb ist es an Ihnen, den ersten Schritt zu tun.

Heute wäre ein guter Tag, damit anzufangen. Heute ist der World Happiness Day. Versuchen Sie es einmal mit einem Lächeln.

 

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