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Wut ist immer nur die erste Stufe der Anstrengung

Gesten war ich bei “Volle Kanne” im Studio und wie das halt so  ist, kann man als Studiogast immer nur 1% dessen sagen, was man zu sagen hätte. Zumindest ich.

Was mich zum Nachdenken brachte war folgende Aussage von Tobias Schlegl, Studiogast der Sendung “Aspekte”: “Wenn ich sauer bin, dann treibt mich das an.”

Stimmt, Wut sorgt tatsächlich dafür, dass unser Gehirn Adrenalin ausschüttet, was einen enormen Energieschub hervorbringt. Wir sehen das Übel und nichts, das uns zurückhält es auch am Kragen zu packen! Kleiner Hacken: Leider sehen wir nur die Hälfte.

Für Tobias heißt das, er bekommt einen leider wenig hilfreichen Nebeneffekt zu spüren. Adrenalin sorgt nämlich dafür, dass sich unser Blickwinkel verengt, sprich, wir bekommen einen sogenannten Tunnelblick. Es zählt nur noch das eine Ziel, das eine Resultat oder der Arsch, der sich da gerade vordrängelt. In Sport und bei einfachen Arbeiten in der Produktion ist das super hilfreich. Bei kreativen Denkprozessen, wie Tobias sie bei seinen Recherchen benötigt, ist das eher hinderlich. Da wäre es besser, er sähe das Unrecht, würde sich kurz ärgern und dann gut gelaunt und mit einer Prise Humor auf die Suche gehen. Und vor allem wäre es Klasse, darüber nachzudenken was die Lösung ist. Und da hilft uns unser Körper. Wenn Sie nämlich gut drauf sind, dann wird ihr Gehirn mit Dopamin und Serotonin (man nennt sie Glückshormone) überschüttet. Das wiederum sorgt dafür, dass sich Ihr Blick weitet. Sie sehen auf einmal Möglichkeiten, haben neue Ideen, sehen den Mittelweg vor Ihrer Nase. Praktisch. Und Sie können diese Erkenntnisse  viel schneller in konkretes Handeln umsetzen. Für die Recherchen von Tobias wäre das sinnvoller.

Wut ist immer nur die erste Stufe der Anstrengung. Wenn wir uns über Ungerechtigkeiten ärgern, dann ändern wir erst einmal nichts. Sich konstruktiv mit einer Sache zu befassen mit einem positiven, konsensorientiertem Blick ist weitaus anstrengender und komplizierter. Bringt uns letztendlich aber weiter. Gesetzt der Fall, wir möchten tatsächlich glücklich werden. Und dazu gehört es, mit einer Gemeinschaft auszukommen.

Wut trennt. Wut sorgt für Konfrontation, Gegensatz und Kampf. Fronten verhärten sich, Lösungsprozesse dauern lange, das Resultat ist oft ein vertracktes Regelwerk, was uns dann in unser Freiheit beschränkt. Kommt Ihnen bekannt vor? Ist auch typisch Deutsch. In Ländern wie Dänemark, Australien, Kanada oder Norwegen sind die Menschen konsensorientiert. Sie möchten wirklich zusammen eine Lösung finden und hören sich erst einmal zu, diskutieren aus, wägen ab, sind tolerant und bereit Kompromisse einzugehen. Weil ihnen die Gemeinschaft wichtig ist und diese auch ein Geben fordert. Der Umgang miteinander, ob privat, beruflich oder politisch, ist daduch flexibel und geschmeidig. Menschen in diesen Ländern vertrauen einander und ihrer Fähigkeit letztendlich eine Lösung zu finden. Das entspannt ungemein – und macht glücklich.

Und noch einmal, ein Punkt der mir ganz wichtig ist. Natürlich sind Menschen, die sich selber als glücklich umschreiben auch mal wütend, schlecht gelaunt, traurig und hassen können sie auch. Sie haben aber die Fähigkeit entwickelt, sich selber zu regulieren, sprich, diese Gedanken zu erkennen, zu filtern und in etwas sinnvolles umzusetzen.

Also, gute Nachricht: Sie können als glücklicher Mensch auch mal wütend sein. Wir stehen ja schließlich nicht unter Drogen. Auch nicht die Holländer.