Konflikte werden im Businesskontext oft als Brunnen von Kreativität gesehen. Tatsächlich kosten sie jedoch sehr viel Zeit und Energie (KPMG 2009).

In dieser Podblog-Folge erfahren Sie im Gespräch mit Lars Trägård, Kenner des nordischen Models, wie Sie Konflikte wirklich für Innovationen nutzen können, ohne sie in zeitraubende Konfrontationen ausufern zu lassen.

Um das zu erreichen, benötigen wir jedoch den gemeinsamen Willen, auf bestimmte Weise miteinander umzugehen. Neugierig? Gut, das ist schon mal ein Element. Hören Sie rein oder lesen Sie weiter.

  • Verliert keine Energie, Zeit und Geld dadurch, Konflikte in Konfrontationen ausufern zu lassen.

  • Fördert den Input aller. Es geht nur um eines: Gemeinsam die beste Idee zu finden.

  • Vorsicht: Gelebte Hierarchien stehen der besten Idee oft im Wege.

  • Selbstbewusste Menschen benötigen keine Konflikte.

Nun ist es also so weit, Russland droht den Schweden:innen mit dem Einsatz von Atomwaffen, wenn diese der Nato beitreten.

Es ist für mich schwierig zu begreifen, warum manche Länder sich nicht zu reifen, demokratischen Gesellschaften entwickelt haben. Und es macht mich traurig, dass ein Land, dessen Gesellschaft über Jahrhunderte den friedlichen Umgang mit Konflikten institutionalisiert hat, nun einem Aggressor gegenübersteht, der genau die Werte bedroht, die Menschen und Mitmenschen glücklich machen.

Die Welt darf gerne den typisch skandinavischen Konsens belächeln und das hohe Vertrauensniveau der Nordics als naiv abtun. Dennoch machen sie das Zusammenleben wunderbar geschmeidig und friedvoll.

Wer auch immer Schweden besucht, spürt dieses Verlangen nach einem freundlichen Miteinander.

Das Feingefühl eine Beziehung zu wahren

Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wenn schwedische Autofahrende bereits 5 Meter vor der Ampel anhalten und mich freundlich über die Straße winken, obwohl für sie grün ist und für mich, als Fußgängerin, eindeutig rot. Meine Tochter raunt mich des öfteren in der U-Bahn an, dass ich so gar nicht schwedisch sei, weil ich nicht geduldig neben der Türe warte, sondern frontal davor. Und wenn ich mal wieder nicht mitbekomme, dass die Ampel für die Autofahrer schon lange von rot auf grün gesprungen ist, dann folgt trotzdem nur selten ein aggressives Hupen von den hinter mir stehenden Autos. Schließlich könnte ich mich doch erschrecken!

Im täglichen Umgang fällt Ihnen dementsprechend kein:e Schwed:in ins Wort. Alle schwedischen Aussagen werden mit Weichspüler versehen. Lehren und führen tut das ehemalige Wikingervolk heute empathisch und liebevoll.

Falls Sie also mal hier zu Besuch sind, bitte nicht vergessen immer schön Danke zu sagen; für das Meeting, für das Essen, für das Sehen und überhaupt für Heute. Tack för idag.

Danke, dass es dich gibt.

Die geschmeidige Gesellschaft

Danke, dass es auch dir wichtig ist, dass wir gut miteinander auskommen. Denn wir sind Menschen unter Menschen und haben, wann immer wir einander begegnen die Wahl, unsere Beziehung zu stärken oder sie aufs Spiel zu setzen.

Einsam sind wir stark – zusammen sind wir stärker!“,

so ein schwedisches Sprichwort. Es  steht als Antwort auf der Außenseite der Spanplatten-Absperrung, die nach dem Terroranschlag 2017 in Stockholm um den Unglücksort errichtet wurde. Und das bedeutet: Nur wenn der Einzelne stark ist, sind wir gemeinsam stärker. Denn dann verheddern wir uns nicht in Konfrontationen, bei denen es oftmals um Macht und Selbstbehauptung geht, jedoch nicht um das vereinte Finden der besten Lösung.

Einsam sind wir stark – zusammen sind wir stärker.

Einsam sind wir stark - zusammen sind wir stärker.

Chose your battles wisely – choose none

Und deshalb suchen die Skandinavier, allen voran die Schweden, beinahe obsessiv nach dem Konsens. Sollte man denken. Ist aber nicht so, erfahre ich verdutzt von Lars Trägård, den ich zu dieser Folge des Podcasts „Zum Glück gibts Werte“ interviewe.

Skandinavier sind nicht konfliktscheu, so der Experte zum nordischen Modell und zum schwedischen Gesellschaftsvertrag. Im Gegenteil! Als Länder mit den freiheitlichsten Werten der Welt haben sie Mechanismen erlernt, die ständigen Konflikte frei denkender Menschen zu nutzen, ohne die Beziehung aufs Spiel zu setzen. Und dafür benötigen sie eine Menge Vertrauen in die Redlichkeit und die guten Absichten anderer Menschen, so der Autor des Buches mit dem etwas befremdlichen Titel: „Ist der Schwede ein Mensch?“.

Lars Trägård im Gespräch mit Maike van den Boom

Wer ist Lars Trägård?

Lars ist Professor für Geschichte und zivilgesellschaftliche Studien am Ersta Sköndal Bräcke University College in Stockholm. Er hat sich in den letzten Jahren auf Projekte zu den Beziehungen zwischen Staat und Zivilgesellschaft, zu den Rechten des Einzelnen, zum nordischen Modell und zum schwedischen Gesellschaftsvertrag konzentriert.

Darüber hinaus hat er die Kinderrechtsregelungen in Schweden, Frankreich und den Vereinigten Staaten verglichen. Er ist zum Studium in die USA emigriert und nach 40 Jahre wieder nach Schweden zurückgekehrt.

Der braun gebrannte Mann mit weißen Haaren und einem Hauch von Richard Geere lebt jetzt mit seiner amerikanischen Frau und seinem Teenager-Zwillig in Stockholm. Aktuell forscht er zum Thema Vertrauen.

Ich traf ihn während meiner Recherche zu meinem Buch „Acht Stunden mehr Glück“ in einem damals viel zu lauten, aber feinen Café. Wir sind lernfähig und treffen uns zum Podcast in seinem Büro in der charmanten Altstadtviertel  Södermalm.

Für Konflikte gebildet

Einfachen Bauern wurde gelehrt anderer Meinung zu sein.

Einfachen Bauern wurde gelehrt anderer Meinung zu sein. (Foto: Elisabeth Edén/imagebank.sweden.se)

Skandinavier waren noch am Anfang des 18. Jahrhunderts ärmste Bauern, die im Zuge der Industrialisierung zu Ingenieuren wurden. Sie waren keine deutschen Dichter und Denker. Zumindest waren sie es niemals um der puren Schönheit des Denkens willen.

Doch, so befanden einige skandinavische Intellektuelle dieser Zeit, den Menschen fehle das nötige Wissen, Selbstvertrauen und die geistige Komplexität, um die Herausforderungen des 19. Jahrhunderts zu meistern. Trotzdem wollten sie ihnen nicht vorschreiben, was sie zu denken haben. „Was sie wollten, war eine allgemeine Bevölkerung, die selbstständig denken und auf einer höheren Ebene anderer Meinung sein konnte.“, so Lene Rachel Andersen und Tomas Björkman in ihrem Buch „Das skandinavische Geheimnis“.

Die Bewohner Skandinaviens waren Menschen, die die Liebe zum Denken dadurch erlernten, dass sie dazu liebevoll und auf freiwilliger Basis ermuntert wurden.

Somit reiften sie zu starken Persönlichkeiten heran, die bereit waren, Verantwortung für sich, die Familie, ihr Land und die Welt zu übernehmen. Und somit werden noch heute Menschen ermutigt, das volle Potenzial ihrer Einzigartigkeit zu nutzen, um andere damit zu bereichern.

Und dann streitet man sich nicht

sondern sucht nach der besten Lösung. Für alle. Und so darf ich das dann doch „Konsens auf skandinavisch“ nennen, nämlich die Akzeptanz der besten Lösung von allen für alle. Folglich kann das auch die Schrägste sein, so Lars Trägård. Hierarchien stehen der besten Idee oft im Wege.

Diese Fähigkeit, das Potenzial eines jeden Menschen anzuerkennen und zu nutzen, hat dazu geführt, dass die skandinavischen Länder sich zu den friedlichsten und modernsten Gesellschaften der Welt entwickelt haben.

„Es ist einfacher ein guter Mensch zu sein
unter guten Menschen.“

"Es ist einfacher ein guter Mensch zu sein unter guten Menschen" Prof. Alex Michalos, Kanada

„Es ist einfacher ein guter Mensch zu sein unter guten Menschen.“

So spukt mir die Aussage von Alex Michalos noch durch den Kopf. Den liebenswerten Forscher für „Quality of Life“, den ich 2013 in Kanada bei der Recherche zu meinem ersten Buch „Wo gehts den hier zum Glück?“ interviewt habe.

Ja. Es ist einfacher seinen Frieden zu finden unter entspannten Menschen. Es ist einfacher Konflikte zu meistern unter Meistern der Konflikte.

Konflikte kosten Zeit

30 bis 50 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit von Führungskräften werden nach einer Studie der KPMG (2009) direkt oder indirekt mit Reibungsverlusten, Konflikten oder Konfliktfolgen verbracht.

Vielleicht ist dies eines der skandinavischen Geheimnisse:

  • keine Energie, Zeit und Geld zu verlieren, Konflikte in Konfrontationen ausufern zu lassen,
  • die Ideen aller zu fördern
  • und dann ohne große Gefühlsduselei und unnötige Machtkämpfe, die beste Lösung zu nutzen.

Und dann kann man es sich auch mal leisten, Zeit in einen scheinbar langen Konsensprozess zu investieren.

Das ist natürlich ziemlich langweilig. Hej, wenn Sie den Nervenkitzel vermissen, wie wäre es dann mit einem Kurs Bungee-Springen oder einer Runde Achterbahn? Ich bin dabei!

Für alle, die es lieben, hinter die Kulissen des Augenscheinlichen zu blicken, tauchen wir heute ein in die Welt der Konflikte und die Bedeutung für Sie im Job.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf den Inhalt:

03:10 Was ist ein Konflikt in Schweden?

04:57 Traditionen im Umgang mit Konflikten

07:00 Konflikte und Kreativität in Deutschland und Schweden

09:11 Konflikte oder unterschiedliche Ideen darüber, wie ein Problem zu lösen ist

14:23 Nicht Konsens, sondern Neugierde

16:17 Gefahr! Hierarchie kann Konsens erzeugen

19:19 Warum sind die Skandinavier so?

20:54 Gemeinsame Regeln befolgen

24:15 Die Macht des Vertrauens

26:10 Bildung und das nordische Geheimnis

35:26 Der Schlüssel zur Konfliktlösung

37:25 Die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft

41:30 Staat, Familie, Individuum oder die schwedische Theorie der Liebe

44:48 Der Staat als bester Freund des Kindes

52:00 Freie Individuen – gute Teams

54:00 Freiwillige Beziehungen

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