„Maike, möchtest du einen Insider Artikel auf Xing zum Weltfrauentag schreiben?“ Meine Antwort war verhalten. Schließlich ist meine Kernkompetenz, wie man Unternehmen glücklich macht und nicht unbedingt, wie man Frauen glücklich macht. Themen wie Feminismus, Gender Equality, Diversity … machen die glücklich?

Bestes Land für Mädchen und Frauen

Es war mit einer der Gründe, weshalb ich im Sommer 2018 mit meiner damals 12-jährigen Tochter nach Stockholm gezogen bin. Damals war Schweden „das beste Land für Frauen“ (jetzt ist es das zweitbeste) plus das Land mit den meisten Möglichkeiten für Mädchen. Welche Frau kann da bitteschön widerstehen?

Schweden ist absolut sexy nebst glücklich

Wer sich die besten Länder um eine Frau zu sein anschaut, der sieht, dass sie sich mit der Liste der glücklichsten Länder der Welt nahezu deckt: Dänemark, Schweden, die Niederlande, Norwegen, Kanada, Finnland, die Schweiz … Macht Gleichstellung von Mann und Frau glücklich? Und wenn ja, wen? Ich wage die These: Gender Equality macht alle Menschen glücklich. Mann wie Frau, Mädchen wie Jungs. Und alle dazwischen.

Denn bei Gleichstellung gewinnen zum Glück alle

Leute speilen Beachvolleyball

Von den Freiheiten, die durch gender equality entstehen, profitieren letztendlich alle.

Und damit die gesamte Gesellschaft. Denn von all den Möglichkeiten, die Schweden, aber auch alle anderen nordischen Staaten eingeführt haben, um eine gleichberechtigte Teilnahme an Leben und Arbeit möglich zu machen, profitieren alle Menschen des Landes: Die flexiblen Arbeitszeiten, die der deutsche Wahlschwede Konstantin gerne nutzt um in Stockholms Schären abzuhängen, wenn die Sonne scheint und zu arbeiten, wenn es regnet. Die Möglichkeit, sich während der Arbeitszeit fit zu halten, wie Sissel es tut, eine passionierten Radlerin Anfang 60 aus Oslo. Und der Respekt vor den privaten Interessen der Mitarbeiter wie dem Theaterabend des Anästhesisten Martin aus Göteborg. Letztendlich hat der feministische Kampf für Gleichstellung in Schweden auch zu einer Befreiung der Männer geführt. Was haben sie gewonnen?

1. Die Freiheit, wichtig zu sein

„Wie soll ich all die Hausarbeit lernen, wenn ich nicht in Vaterschaftsurlaub gehe? Wie kann ich dann gleichberechtigt etwas beitragen? Und das möchte ich. Ich möchte genauso an den Aufgaben und am Familienleben teilhaben. Mit allen drei Kindern war ich sechs Monate zu Hause. Ich habe nur Jungs, und ich würde allen raten, es genauso zu machen wie ich. Es ist eine großartige Zeit, wenn deine Kinder größer werden, und es ist sehr traurig, wenn du daran nicht teilhast.“, so Lars, ein ruhiger schwedischer Apotheker um die 60, den ich in Stockholm zur Recherche meines Buches traf. Im Gegenzug gender equale Teilhabe glücklich. Denn wenn Frauen die Freiheit bekommen, Karriere zu machen, erhalten Männer die Chance, mit ihren Kindern eine Beziehung aufzubauen, die bleibt. Gender Equality macht glücklich, denn es gibt allen mehr Möglichkeiten, in unterschiedlichen Bereichen etwas Sinnvolles beizutragen.

– Denn der Anfang bestimmt das Ende

Auch im Falle einer Scheidung bekommen die schwedischen Sprösslinge jeweils 50 Prozent der Zeit die volle Aufmerksamkeit der Mutter und 50 Prozent der Zeit die des Vaters. Und damit fahren Kinder sehr viel besser, als dass die Sorge bei nur der Mutter bleibt. Malin Bergström vom Zentrum zur Erforschung der gesundheitlichen Chancengleichheit (Center for Health Equity Studies – CHESS) im Karolinska Institutet, Stockholm, untersucht seit einigen Jahren intensiv, welchen Einfluss die verschiedenen Trennungsmodelle auf das Wohl der Kinder haben. Ihre Studienergebnisse sind eindeutig. Kinder, deren Betreuung sich die Eltern auch nach der Trennung 50/50 teilen, geht es ähnlich gut, wie Kindern aus nicht getrennten Familien. “v.v.” lautet dafür die schwedische Abkürzung: „varannan vecka“, jede zweite Woche. Und das ist auch der Rhythmus, bei dem jedes Unternehmen mitmuss. Auch Meetings werden “v.v.” geplant, sprich nicht gerade um 15 Uhr, wenn Nina oder Nils Kinderwoche haben. So können beide Partner sich jeweils abwechselnd ihrer Karriere und ihren Sprösslingen widmen. Fair. Und in Deutschland? Dort ist das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter massiv und unakzeptabel hoch. Gender Equality macht glücklich, denn es gibt allen die Möglichkeit, ihr Lebens selbstbestimmt weiter zu führen. Komme, was da komme.

– Männer raus, Frauen rein.

Weibliche Mitarbeiter lesen Dokumente auf dem Bau

Mehr Männer raus zu den Kindern also, mehr Frauen rein ins Unternehmen.

Was sich im Titel ein wenig gemein anhört, ist gar nicht so gemein gemeint. Denn in den skandinavischen Ländern wird die Zeit, die Mann mit seinen Kindern verbringt, als Möglichkeit für persönliches Wachstum gesehen. „Wie kannst du nur die Hälfte der Menschheit dazu nutzen, dein Land oder dein Unternehmen zu entwickeln? Dass Männer hier „pappaledig“ (papafrei) nehmen, verändert die Arbeitskultur. Denn auf einmal entsteht Flexibilität und plötzlich wird Führung anders gesehen. Denn dann wirst du dir darüber bewusst, dass du deine Projekte nicht mehr zehn Stunden am Tag überblicken kannst, es müssen andere Lösungen her.“, so Anna, Personalleiterin bei einem schwedischen Bauunternehmen mit 50.000 Mitarbeitern. Mehr Männer raus zu den Kindern also, mehr Frauen rein ins Unternehmen, so das erklärte Ziel des Baulöwen. Und vielleicht beläuft sich deshalb die Gehaltslücke zwischen den Geschlechtern in Schweden auf 11 Prozent und ist damit halb so groß wie in Deutschland.

– Also fifty fifty ist immer fifty fifty

Auch Feminismus kann man teilen und so haben die Schweden einfach die besseren Feministen (m). „Wie kannst du nicht wollen, dass Frauen dieselben Möglichkeiten haben wie Männer?“, so Martin, alleinerziehende Papa von drei Mädels, erstaunt. Und Alex – gewählt kinderloser Professor und Pfleger aus Göteborg – fügt hinzu: „Die Elternzeit muss 50/50 verteilt werden, ganz klar. Sonst bekommt man es nicht hin. Dann kannst du noch 60 Jahre warten mit der Gleichstellung.“

Was also hat Mann noch mehr gewonnen?

2. Die Nähe zum Leben

Mein Schwedenfreund und ich waren zur Jahreswende im Skiurlaub in Österreich. Während er in der Umkleide eines Skigeschäftes die orangefarbene Skihose wieder abstreift, für die er sich entschieden hat, erklärt mir die freundliche Verkäuferin verschwörerisch, wie genau ich die Hose am besten wasche. „Das ist sehr nett von Ihnen“, entgegne ich, „aber wir kommen aus Schweden und das ist das emanzipierteste Land der Welt. Mein Freund kann viel besser waschen als ich.“ Und kochen und nähen und über Gefühle reden auch, füge ich in Gedanken hinzu. Tja, mit Kochkünsten kann Frau in Schweden nicht punkten, denn Handarbeit und Haushaltslehre lernen alle Schweden bis ins hohe Alter von 15 Jahren, bevor sie ins Gymnasium wechseln. Und wer dann, wie ich, eine leicht ironische Bemerkung fallen lässt, dass in Deutschland Nähen nicht gerade als Kernkompetenz für einen angehenden Geschäftsführer (m) gesehen wird, erhält ganz sicher eine Gegenfrage seines männlichen Gegenübers: „Warum nicht? Das ist doch das Leben!“ Und das bedeutet das pralle Leben für alle. Mit allen Rechten und Pflichten, allen Freuden und Unannehmlichkeiten. Skandinavische Länder sind holistische Länder, Bildung bedeutet dort, die Bildung deiner Persönlichkeit im gesamten Kontext deines Lebens mit anderen Menschen. Fair.

3. Jäger mit Laute

Vater küsst Kleinkind das Haar.

In Schweden gibt es berufstätige Väter und keine Rabenmütter.

Heutzutage brauchen wir keine ausschließlich starken Männer mehr, die nur jagen gehen und Schlachten schlagen. Aber essen müssen wir alle und das Bad putzen müssen die meisten auch. „Früher hat physische Leistung die Wirtschaft vorangebracht.“, so sinniert Mika, eine junge Schwedin Anfang 20, die ich spontan zum Thema Frauentag und Feminismus in Schweden befrage. Sie fährt fort: „Wir leben aber nicht mehr in so einer Welt. Warum sollten wir also so weiterleben wie vor 100 Jahren? Wir müssen unserer Zeit folgen und uns anpassen an die Art wie wir heute leben.“ Mika hat wie alle Schweden bereits in der Schule über Gender-Wissenschaft diskutiert und wurde für das Thema Gleichberechtigung sensibilisiert. Kein Wunder in dem Land, in dem sich die Regierung feministisch nennt. Denn inzwischen mag es wohl überall angekommen sein, dass die neuen Hard Skills die Soft Skills sind, eben die, die oft den Frauen zugeschrieben werden. Es ist also nur fair, wenn wir die kommende männliche Generation mitnehmen auf den Weg in eine feminine Gesellschaft, wie es die Skandinavier getan haben. Denn diese Gesellschaftsform bedeutet lediglich, dass alle Geschlechter über eine Bandbreite an Gefühlen und Eigenschaften verfügen dürfen, ohne dass sie an ein bestimmtes Geschlechtsmerkmal gebunden sind. Laute Frauen, sorgende Männer, Heulfritzen und Rabenväter. Und nebst einer Menge berufstätiger Mütter auch eine Menge berufstätiger Väter. Denn wir benötigen all diese unterschiedlichen Menschen in einer stets komplexer werdenden Welt. Wir benötigen das Beste von allen für alle.

Betriebswirtschaftlich unverantwortlich

Doch Frauen bringen immer noch Kinder zur Welt. Stimmt. Und haben in der Schule die besseren Noten, machen öfter Abitur und beginnen häufiger ein Studium als gleichaltrige Jungen. Deswegen gibt es in Deutschland mittlerweile so viele Studentinnen wie nie zuvor. Doch “wo man seine eigenen Leistungen sieht, ist immer vom Elternhaus und der Gesellschaft geprägt”, so Bildungssoziologe Lörz. Deshalb sind die Schule und die Familie die Orte, um starre Geschlechtervorstellungen aufzubrechen. Wenn nämlich bestimmte Erwartungen – wie ‘Jungs sind halt technisch’ – bei der Studienfachwahl eine Rolle spielen, dann kann das Individuum seine Möglichkeiten nicht voll ausschöpfen. (Auch, wenn sich Mädchen dann letztendlich doch nicht für MINT Fächer entscheiden. Es geht um die Wahlfreiheit es zu können, wenn man möchte.) Der Wirtschaft entgeht so eine Menge ungenutztes Potenzial. Denn sie ist darauf angewiesen, dass diejenigen die Jobs bekommen und sich darin weiter entwicklen, die wirklich das Zeug dazu haben. Ohne Beförderungen, die man nicht bekommt, da man schwanger werden könnte. In Schweden werden auch die Männer schwanger und fallen regelmäßig mit gutem Gewissen ein paar Monate aus. 30 Prozent aller Elterntage werden deshalb in Schweden bereits von den Herren übernommen.Selbstverständlich gelebte Gender Equality befreit von Erwartungen und treibt die Wirtschaft an.

Schlechtestes Land für rechte Mobilmachung

Der schwelende Frauenhass, der durch die rechten Netzwerke trollt, richtet sich also auch gegen die Befreiung der Männer, das wirtschaftliche Wachstum Deutschlands und das Glück aller Menschen, die dort leben. Um Gender Equality in Mikas Worte zu fassen: „Wir sind alle unterschiedlich. Einige Mütter möchten vielleicht lieber zu Hause bleiben, andere nur Karriere machen. Das gilt auch für die Männer. Wir müssen eine Umgebung schaffen, in der jeder frei ist, das Model zu leben, das zu ihm passt, ohne verurteilt zu werden. Dass man sich frei fühlt über sein Leben zu bestimmen. Vor allem dieselben Möglichkeiten dazu zu haben. Unabhängig vom Geschlecht. Das wäre die ideale Gesellschaft.“

Wie wirds gemacht?

• Ganz einfach. Machen wir es wie das norwegische Fußballteam. Schauen wir uns die Gehaltsstrukturen im Unternehmen an und gleichen wir diese an. Was bitte schön soll daran so schwierig sein? Die Kosten, die das verursachen mag, macht die erhöhte Arbeitgeberattraktivität lang wieder wett.

• Sorgen wir dafür, dass Männer die Chance haben ein persönliches Band mit ihren Kindern aufzubauen, genauso, wie Mütter ihre Karriere fortzusetzen. Lernen wir von den Skandinaviern und nehmen wir die historische Abkürzung. 6 Monate papafrei sollte schleunigst der deutsche Standard werden.

• Geben wir Menschen die Möglichkeit, sich frei zu entwickeln. Das kann jeder persönlich tun. Sprich: Scannt eure Gedanken. Wenn der Kollege 8 Monate Elternzeit nimmt, ist er kein fauler Sack, wenn eine Mitarbeiterin dasselbe Gehalt fordert, wie der männliche Kollege, dann ist sie nicht lästig und wenn der Chef über seine Gefühle spricht, ist er kein schwacher Leader. Und sie ist keine Heulsuse. Wenn seine Frau eine steilere Karriere macht, dann ist er kein Schlappschwanz. Es gibt 1000 kleiner Gedanken, die Gender Equality zwischen Mann und Frau täglich torpedieren. Ich selbst bin nicht frei davon. Packen wir es an und werden wir fair.

 

Freue mich wie immer auf lebhafte, respektvolle und faire Diskussionen zu diesem Thema.

 

 

PS. Die Endung oder der Endung?

Und wer sich wundert, dass ich *innen weglasse oder meinen Text nicht mit sperrigen Konstrukten wie m/w/d schmücke: Trine, Kommunikationsmitarbeiterin bei der Handelskammer in Oslo, erklärt es euch gerne: „In Deutschland möchte man immer diese weibliche Form haben, und in Norwegen und Schweden will man das gerade nicht. Es geht um den Job. Warum soll es für Frauen anders sein als für Männer? Ich muss wirklich nicht wissen, ob ich mit einem Leiter oder einer Leiterin spreche. Das wirst du dann schon früh genug entdecken.“ Selbe Endung, selbe Funktion, meine Damen und Herren.

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