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Mein erstes Elterngespräch in Schweden. 15.00 Uhr, öffentliche Grundschule, 6 Klasse. Stockholm. Bei uns zu Hause um die Ecke. Pünktlich gehe ich los, stapfe über Stockholms schneebedeckte Bürgersteige und betrete vier Minuten später das Schulgebäude. In den Gängen gedämpftes Geflüster und – Kinder! Verunsichert frage ich in gebrochenem Schwedisch:

„Ähm – was macht ihr hier?“

„Utvecklingssamtal“, so die knappe Antwort. Entwicklungsgespräch.

„Schon klar“, so ich zögerlich. Langsam dämmert es mir und ich schiebe ein „Ist das etwa mit Schülern?“ nach. Fünf 12 Jährige aus der Klasse meiner Tochter schauen einander verunsichert an bevor eines der Mädchen antwortet: „Själfklart!“ Selbstverständlich! Fluchend mache ich kehrt, schlittere durch den Schnee zurück nach Haus, sammle meine Tochter ein und komme fünf Minuten zu spät zu meinem ersten Entwicklungsgespräch in Schweden.

Pardon, Elisas Entwicklungsgespräch, denn hier geht es nicht um besorgte, ehrgeizige oder sonst wie engagierte Eltern, sondern um die Schüler. Deshalb spricht man auch mit ihnen und nicht über sie. Was läuft gut? Was gefällt dir am Besten? Was können wir tun, um dein Schwedisch zu verbessern? Was möchtest du in Mathe erreichen? Nur auswendig lernen? Verstehen oder anwenden können? Woran möchtest du nächstes Jahr arbeiten?

Kinder sollen sichtbar sein, denn was sie zu sagen haben ist wichtig.

Das lernte ich schon in Norwegen während meiner zweijährigen Reise durch 30 skandinavischen Unternehmen. Und wenn diese jungen Menschen dann später den Arbeitsmarkt betreten, dann gehen sie selbstverständlich davon aus, dass ihre Meinung immer noch zählt. Warum auch nicht? „Und das ist wirklich etwas Gutes, denn das bedeutet, dass sie eine Menge ihrer Begeisterung und ihrer Ideen in die Arbeit einbringen”, so Annika, ehemalige  Geschäftsführerin von Ledarna, der schwedischen Gewerkschaft für Manager mit 93.000 Mitgliedern.

Agile kids – agile Unternehmen.

Der Grundstein für agile Unternehmenskulturen mit kreativen Köpfen und innovativen Ideen wird schon in der Schule gelegt. Wir können nicht erwarten, dass Kinder, auf deren ganz persönliche Meinung in der Schule kein expliziter Wert gelegt wird, später in Unternehmen den Mund aufmachen und uns mit ihren einzigartigen Ideen bereichern. Schließlich geht es nicht darum, dass wir alle dasselbe können, sondern darum, dass wir einander ergänzen. Wenn wir Talente nicht schon in der Schule sehen und fördern, dann werden wir auch später nur Mainstream erhalten. Erwachsene, die als Kinder gelernt haben, Erwartungen zu entsprechen – ausgedrückt in einer bestimmten Fächerauswahl und einem strikten Notensystem – können schlecht auf einmal agil durch unsere Unternehmen hüpfen.

Tue, was richtig ist!

Schüler werden im deutschen Schulsystem vor allem dafür belohnt, das zu tun, was richtig ist. Dafür, was als wichtig erachtet wird. Dafür, dass sie alle mehr oder weniger bestimmte Dinge wissen und können, die objektiv verifizierbar sind. Kurz, sie sollen in Boxen passen. Doch Schweden waren nie in dieser Box. Nach Aussage des schwedischen Wirtschaftsprofessors Ola Bergström wissen sie noch nicht mal, wo diese Box ist. Denn „Ausbildung sollte Individuen als moralische Wesen sehen, verantwortlich für ihre Entscheidungen und ihre Handlungen mit der Fähigkeit nach dem zu suchen, was wahr ist und zu tun, was richtig ist«, so das königlich-norwegische Ministerium für Bildung.

Bei dieser Beschreibung sind Diskussionen über das, was wahr oder richtig ist, schon vorprogrammiert. Deshalb gibt’s im Norwegen und Dänemark erst ab der achten Klasse Noten. In Schweden bereits in der 6 Klasse. Ausgedrückt in den Zahlen A bis F. Doch die Bewertungskriterien sind äußerst weich. Im Norden geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um dich und deine ganz persönliche Meinung. Um dich und deine Einzigartigkeit als gesamter Mensch und den Beitrag, den du für die Gemeinschaft leisten kannst. In der Schule, wie auch später in den Unternehmen. Entlassen wir unsere Kinder also aus den Boxen und bieten wir ihnen statt dessen hohe Decken.

Schweden holen sich keine fiesen Beulen.

“Und wenn Sie jetzt voller Enthusiasmus aufspringen, dann sollten Sie vor allem eins nicht tun: sich dir Birne an der Decke stoßen!

Denn ihre Decken hängen hoch. “Högt i tak” sagt man dazu in Schweden, „Høyt under taket” in Schweden. Das bedeutet, für jede Meinung und jede Idee ist genug Platz unter der Decke. Denn Wikinger wollen alle Ideen. Nichts ist wertvoller als der Blickwinkel eines anderen. »Wir lernen schon sehr jung, Autoritäten in Frage zu stellen, und ich denke, das ist im Job sehr hilfreich. Ich benötige jedes Feedback, das ich bekommen kann.“, so Marianne verantwortlich für die Abteilung Risiko beim Biotechunternehmen Novozymes in Dänemark.

Was erhalten wir dadurch? Selbstbewusste Knirpse, die neugierig bleiben und mutig werden. Die groß werden und „erst machen, dann entschuldigen“, so Jenny, PR Verantwortliche bei den Scandic Hotels in Schweden. „Erst ausprobieren, dann kritisieren“, wäre eine andere nordische Variante. Erst anfangen, dann verbessern. Das ist die Grundlage für disruptives Denken, Offenheit für Digitalisierung und Innovationen. Und das könnte der Grund sein, weshalb Schweden den „Europäischen Innovationsanzeiger“ anführt, dicht gefolgt von Dänemark auf Platz zwei. Sie haben’s schon in der Schule gelernt.

 

Raus aus der Box! Die kann man nur stapeln.

Was ist Ihr persönlicher Beitrag zu unserer Welt von morgen? Teamfähigkeit? Ideenreichtum? Unangepasstheit? Einzigartigkeit? Empathie? Neugierde? Mut? Reflektion? Tiefgang? Anteilnahme? Impulse? Oder visionäre Reden? Wir benötigen alle Facetten für das sogenannte “New Work”, die Zukunft der Arbeit. Denn die ist nicht mehr linear, sondern lebt von der Vielfalt. Und das macht Menschen auch glücklich (und en passant 20% produktiver): Die Freiheit, sie  selbst sein zu dürfen. In Mathe eine null, dafür ein Herzensfänger, der Menschen eint? Latein auch nicht besser, aber der, der immer die richtigen Fragen stellt? Wir benötigen alle Talente, denn mit nur Stürmern gewinnt man kein Fußballspiel. Also Augen auf und hingeschaut:

Da stand mal ein kleines Mädchen mit Brille und Hasenzahnlächeln an einem Waschbecken in der Ecke eines schmucklosen deutschen Klassenzimmers. Nicht das erste Mal. Ganz sicher nicht das letzte Mal. Es war nicht besonders intelligent, nicht besonders hübsch, aber es hatte ein strahlendes Lächeln, ein Plappern, das nie enden wollte und eine Menge Fantasie. Im deutschen Schulsystem war für dieses Mädchen kein Platz in der ersten Reihe.

Der Weg war lang und kannte viele Umwege. Doch heute steht sie als Rednerin bei Veranstaltungen auf der Bühne, plappert unentwegt, lächelt immer noch und verändert mit ihren Ideen ein kleines bisschen die Welt.

Dieses Mädchen war ich. Und mich kann man jetzt zum Quasseln buchen.

Was sollten wir unseren Kindern mitgeben? Wie sollten deutsche Schulen von morgen aussehen? Teilen Sie Ihre Ideen, denn was Sie zu sagen haben ist wichtig!

2 Kommentare
    • Maike van den Boom
      Maike van den Boom sagte:

      So ist das, lieber Herr Schulze, Vertrauen zu schenken und Kinder die Zeit zu geben, zu wachsen fängt natürlich schon an bevor die Kinder in die Schule kommen. Und, da spreche ich aus eigener Erfahrung, da habe ich auch so einiges versäumt. Ihre Maike

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